Die Spinnen von St. Severin

Kolumne von Birgit Gräfin Tyszkiewicz

Die erste Woche des Kultursommers St. Severin hat begonnen. Die Eröffnung fand am Dienstag in der Kapelle auf dem Friedhof statt mit der Pastorin Susanne Zingel und mir. Warum an diesem Ort? Was möchte Kirche heute sein? Wieso gehört Mode dazu, als Kulturgut, als Geschichtenerzählerin, als meine Sprache. Vielschichtig wird unser Programm. Am Freitag, den 10. Juli, 18 Uhr, stellen Robert Eberhardt (Felix Jud) und ich dort unsere Lieblingsbücher vor, und am Montag, den 13. Juni, um 5.30 Uhr, beginnt für Frühaufsteher meine wöchentliche Morgenlesung mit jeweils einem berühmten Gedicht der Weltliteratur. Künstlerisch stehen in diesen Tagen die Spinnen im Mittelpunkt, insbesondere die Spinnen von St. Serverin. Eifrig weben sie ihre Netze, und niemand käme auf die Idee, dabei an Kunst zu denken, eher an »kunstvoll«, wie sie mit dünnen Fäden Strukturen schaffen, die Feengewändern ähneln.

Meine Tochter, Toska Tyszkiewicz, macht aus ihnen Kunstwerke, durchscheinend, schwebend und mystisch besetzt. Sie ist die Erste des »Artists in Residence« Projekts in diesem Kultursommer. Im Pastorat in Tinnum und im mittelalterlichen Dachstuhl von St. Severin hat sie ihr Atelier eingerichtet. Sie ist auf Spurensuche. Unter der Empore, zwischen den Balken und in den hintersten Winkeln. Weiter geht es hinauf bis zur Turmspitze (33 Meter hoch), wo es feucht genug ist, um den Achtfüßlern ihr ideales Biotop zu schaffen. Übrigens können Spinnennetze an windgeschützten Stellen über 200 Jahre alt werden. Ich höre ihr zu, was ihr in den vergangenen Monaten in Paris die Arachnologen von der Wissenschaft der Spinnen erzählten, der Beschaffenheit der Netze und wie man sie konserviert. Jeder Ort besitzt seine eigene Spinnen-Beschaffenheit. In ein paar Tagen wird Toska die Spinnen-«Textilien« zusammenfügen zu poetischen Gebilden, in denen sich Stärke und Zartheit verweben. Wusstet Ihr, dass ein Spinnennetz-Strang von einem Zentimeter Durchmesser mehr als zehn LKWs ziehen könnte?!
Zur Abend-Andacht in St. Severin, am 11. Juli, 18 Uhr, wird ein Spinnen-Objekt in der Apsis von St. Severin hängen und eine Skulptur auf dem Sockel darunter. Im Anschluss daran laden wir ein in der Kapelle auf dem Friedhof zur Vernissage mit einem Gespräch der Künstlerin, die erzählen wird über ihre Kunst und die »Netzwerkerinnen« der Natur.
Unterstützt wird der Kultursommer St. Severin von privaten Förderern, von SYLT life, dem Mare Verlag, den Sylter Kunstfreunden e.V. sowie dem Nordfriesischem Friedhofswerk. Wer auch einen Beitrag leisten möchte, der meldet sich unter: info@romaetoska.de
Birgit Gräfin Tyszkiewicz