Die Seele der Insel im Pinselstrich

– Kolumne von Robert Eberhardt –

Es gibt Maler, die eine Landschaft abbilden. Und es gibt jene, die ihr zuhören. Tobias Duwe gehört zweifellos zur zweiten Gruppe. Seine Ausstellung »Quersyltein« im Felix Jud Cottage in Keitum ist keine touristische Liebeserklärung an die Insel, sondern eine malerische Annäherung an ihren Charakter. Wer Sylt nur als Kulisse kennt, wird überrascht sein. Wer die Insel wirklich kennt, wird sich wiederfinden.

Tobias Duwe malt die Keitumer Kirche.

Duwe zählt zu den bekannten Vertretern der norddeutschen Freilichtmalerei. Seine Bilder entstehen vor dem Motiv – unter wechselndem Himmel, im Wind, im flüchtigen Licht der Küste. Das verleiht seinen Arbeiten eine Unmittelbarkeit, die sich kaum im Atelier erfinden ließe. Seine Malerei ist kraftvoll, mit markantem Pinselstrich und einer klaren Farbigkeit, die an Salzluft und Dünensand erinnert. Gerade darin liegt ihre besondere Qualität: Sie sucht nicht den dekorativen Blick, sondern das Wesen einer Landschaft.
In »Quersyltein« begegnen uns Steilküsten, Wattlandschaften, Dünen und Horizonte, die niemals bloße Postkartenmotive werden. Die Bilder erzählen von Bewegung und Stille zugleich. Wolken schieben sich über den Himmel, das Meer verändert seine Farbe im nächsten Augenblick, und selbst die Heide scheint den Wind zu speichern. Duwe malt keine spektakulären Ansichten, sondern Augenblicke, die jeder kennt, der einmal innehielt und einfach über die Insel schaute.
Als Tobias Duwe Anfang Juni einige Tage auf der Insel malte, wollte ich ihn abends am Tipkenhoog besuchen. Doch ich brach meinen kurzen Weg ab, denn eine Gewitterwolke schob sich über Keitum. Doch ich lag falsch: Der Maler arbeitete im Regen weiter. Und so sehen wir an einer Stelle des Bildes verlaufene Farbe: die Natur malt bei ihm mit!
Unser Felix Jud Cottage bietet für diese Arbeiten den idealen Rahmen. Zwischen Büchern, Kunst und dem Blick auf das Watt entsteht ein Ort, an dem das langsame Sehen und Stöbern quasi Pflicht ist. Hinter dem Cottagegarten mit den blühenden Rosen begegnen sich Literatur und Malerei auf ganz natürliche Weise – beide erzählen von Landschaften, beide leben von der Kunst der Beobachtung.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser Ausstellung. Sie fordert nichts, sie erklärt nichts, sie lädt ein Sylt zu genießen. Zum Wiederentdecken einer Insel, die man längst zu kennen glaubte. Tobias Duwe zeigt Sylt nicht als Sehnsuchtsort, sondern als lebendige Landschaft voller Licht, Wind und Atmosphäre. Seine Bilder erinnern daran, dass die schönsten Entdeckungen oft dort beginnen, wo der Blick langsamer wird. Und das ist im Grunde alles. Augen weg vom Screen und hinaus auf Landschaft, wie es unsere Urahnen schon vor Tausenden Jahren taten. Bis bald in Keitum.
Robert Eberhardt