Der Kultursommer St. Severin

Kolumne von Birgit Gräfin Tyszkiewicz –

Gerade fühle ich mich wie eine Seefahrerin, die vor Monaten die Insel verließ und nun wieder zurückkehrt. Der Sommer auf Sylt, diesmal nicht in Kampen wie so viele Jahre zuvor, sondern in Keitum. Zunächst gab es dafür eine spontane Idee, die durchaus etwas Absurdes in sich trug: »Roma e Toska in der Kapelle auf dem Friedhof in Keitum«. Pastorin Susanne Zingel und ich mussten lachen am Telefon. Erfrischend fühlte es sich an, unschuldig, einen Ort neu denken. Was war dieser Ort bis dahin? Seine ursprüngliche Bestimmung ist nicht ganz klar, auf jeden Fall wurde er zuletzt als Abstellraum des Friedhofs genutzt, mit Säcken voll Dünger, Schubkarren und Gartengerät. Kurz darauf wurden wir ernst, arbeiteten gemeinsam an einem ambitionierten Kulturprogramm, hörten auf kritische Stimmen und nahmen sie als wichtige Impulse mit in unsere Konzeption auf.

Über den Juli und August sind Persönlichkeiten aus Kunst, Philosophie, Theologie und Literatur sowie junge Talente am Beginn ihrer Laufbahn zu Gast. Sie alle stellen wichtige Fragen zu unserer Gesellschaft und regen zu einem nachdenklichen Innehalten in einer Zeit an, die allzu laut und flüchtig geworden ist. Alle, die ich fragte, haben begeistert zugesagt. Schmunzelnd verabredeten wir ein Morning Reading in der Kapelle, jeden Montag um 5.30 Uhr mit den berühmtesten Gedichten der Weltliteratur. Wer kommen wird? Ich habe keine Ahnung. Ich bin da, vielleicht der Friedhofsgärtner, Hund Bonnie, ein paar Möwen und ein paar Frühaufsteher, die mit mir die Sonne aufgehen sehen möchten. Anschließend gibt es Croissants und Kaffee. Hört sich doch herrlich an, besinnlich und schön.
Nachtschwärmer sind eingeladen zu einer Mitternachtslesung in der Kirche oder zu einem philosophischen Gespräch über die Anfänge des Seins, dazu Orgel und Gesang von Dmitri Egorov. Susanne Zingel wird die Kirchenleuchter herunterholen, damit wir uns beim Schein der Kerzen zusammenfinden.
Künstlerinnen werden als Gäste auf Zeit in der Kirchengemeinde leben und arbeiten; in der Kapelle und Kirche kann ihnen zeitweise bei ihrem Schaffen über die Schulter geschaut werden. Literatur-Abende, Vernissagen, aktuelle Diskussionen sowie der Blick auf Kleidung und Mode als Ausdruck von Kultur und Zeitgeist.
Den Auftakt machen Susanne Zingel und ich am Dienstag, den 7. Juli, 17.30 Uhr. Dazu sind Sie und Ihr herzlich eingeladen in die Kapelle auf dem Friedhof in Keitum.
Unterstützt wird das Projekt von privaten Förderern, von SYLT life, dem Mare Verlag und dem Nordfriesischem Friedhofswerk. Wer auch einen Beitrag leisten möchte, der meldet sich per E-Mail unter info@romaetoska.de.
Und dann lasst ihn uns gemeinsam genießen, diesen Sommer mit ganz viel Kultur und einem Ort, um Dinge neu zu denken. »Von der Insel die Welt und wieder zurück.«
Birgit Gräfin Tyszkiewicz