Ein Gastbeitrag von Sylter Unternehmer Ole König
Es gibt Orte, die besucht man, und es gibt Orte, die ziehen einen magisch an. Sylt gehört zur zweiten Kategorie, und wer das einmal erlebt hat, dem wird auch verziehen, dass er im Hochsommer mit dem Fahrrad zwischen List und Hörnum eine gewisse andächtige Langsamkeit an den Tag legt, als befände er sich nicht auf einem Radweg, sondern auf einer Pilgerreise.
Astrid Lindgren hätte, wäre sie nicht in Småland, sondern im Süderheidetal aufgewachsen, wohl auch hier ihr Bullerbü gefunden. Sechs rote Häuser, ein gemeinsamer Hof, Kinder, die barfuß über die Wiese laufen, und Erwachsene, die gemütlich zwischen Freunden und Tante-Emma-Laden pendeln – dieses Bild ist auf Sylt nicht Fiktion, sondern, im Wesentlichen abgesehen von den etwas höheren Immobilienpreisen, gelebte Wirklichkeit. Der gemeinsame Hof ist auch eher ein aufwändig gestalteter Garten, die roten Häuser sind reetgedeckt, und der Nachbar, den man beim Vornamen kennt, könnte zufällig auch der Vorstand eines DAX-Konzerns sein. Bullerbü auf Red Bull, sozusagen.
Man mag darüber die Augenbraue heben. Ich tue es selbst, zugegebenermaßen, gelegentlich auch, beim Anblick der dritten höchstmotorisierten SUV-Kolonne, die sich morgens um zehn, bemüht um Understatement, durch den schmalen Gurtstig schiebt. Und doch: Gerade in dieser liebevoll kultivierten Widersprüchlichkeit liegt der eigentliche Charme der Insel. Sylt nimmt sich regelmäßig viel zu wichtig und macht es im nächsten Moment mit Inselcharme und einem Gläschen Chefarztehefrauenbrause alles wieder gut – ein Balanceakt, den nur wenige Orte in Europa so mühelos beherrschen wie dieser Sandknust zwischen Wattenmeer und Nordsee.
Auch wenn die Anreise mittlerweile über historisch belasteten Schotter im Wattenmeer führt, ist die Insel gefühlt einer der freiesten und sichersten Orte der Republik. Die Haustür kann offenbleiben; das Auto nicht abzuschließen endet nicht zwangsläufig im Verlust des soeben erworbenen Craig Alan. Der berühmteste Fischhändler Deutschlands begrüßt einen freundlich mit Handschlag, und nach einem Viertel Fahrradakku auf Stufe »ich habe richtig Frozen-Aperol-Durst« bringt es einen schon auf die Terrasse der Sansibar, damit man pünktlich um 12 Uhr bereits über Rosé fachsimpeln darf – und ob der Manto Negro der Grenache nun ihr sein Tod sei, gerade so, als ob es in der Wichtigkeit der Rochade des Kanzlers der zweiten Wahl in nichts nachstünde.
Die natürliche Schönheit der Insel spiegelt sich nicht zuletzt in den Gesichtern der Hockey-Muttis (die heißen meist eher so aufgrund der Fahr- und Begleittätigkeit) wider. Auch wenn an dieser Stelle Schönheit und Natürlichkeit zuweilen auseinanderfallen. Aber was soll’s, der Schöpfung des Pferdes wurde letztlich auch mit dem V8 nachgeholfen, man muss der Evolutionsleiter gegenüber offen bleiben.
Einfach und entspannt sind natürlich auch die Outfits. Die Kinder, die im Sand vor der Sturmhaube buddeln und sich schubbern, tragen unbeeindruckt T-Shirts, die in der Regel mehr gekostet haben dürften als der durchschnittliche Wocheneinkauf einer vierköpfigen Familie am Kulkwitzer See. Es ist diese liebenswerte Übertreibung des Idyllischen, die Sylt von jedem x-beliebigen Feriendomizil unterscheidet: Hier wird die Sehnsucht nach dem Einfachen mit erheblichem Aufwand betrieben – und gerade das hat doch etwas zutiefst Menschliches.
Siegfried Lenz, dieser genaue Beobachter norddeutscher Eigenarten, hätte seine Freude gehabt an den Sommergästen, die alljährlich mit der Sorgfalt einer Wal(l)fahrt auf die Insel pilgern, um sich dort mit Geschäftigkeit des Far Niente zu befleißigen. Das Nichtstun als Hochleistungssport, das Flanieren und Bowlieren (ab 15 Euro, Vorsicht, kann Spuren echter Erdbeere enthalten) als Bekenntnis, das Sonnenbaden als eine Form der Andacht. Wer im Hochsommer einen Tisch in unseren Top-Lokalen ergattert, der hat nicht bloß einen Platz zum Essen gefunden, sondern ein kleines Stück gesellschaftlicher Zugehörigkeit erworben. Man kennt sich. Man nickt sich zu. Man plauscht und lacht – und genau darin liegt ein Teil des Zaubers: man ist gern unter sich und trifft dennoch immer wieder Freunde von Freunden, die man bald zu seinen eigenen zählt.
Doch bei allem Biss und aller Ironie, die eigentliche Schönheit der Insel entzieht sich jeder Übertreibung. Wer im Morgengrauen über den Deich bei Rantum läuft, während der Nebel sich langsam vom Watt hebt und das zarte Rosa den Himmel erobert, während die ersten Austernfischer ihre schrillen Rufe über die Priele schicken, der spürt etwas, das mit Geld nicht zu erkaufen und mit Spott nicht zu entkräften ist: eine Ruhe, die tiefer reicht als jede Pose. Das Licht über den Dünen, das selbst eingefleischte Großstadtneurotiker zu stillen Betrachtern macht. Die Weite, die einen daran erinnert, wie klein die eigenen Sorgen eigentlich sind.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Sylter Bullerbüs: Es ist ein Ort, an dem sich Anspruch und Anspruchslosigkeit begegnen, ohne einander auszuschließen. Man kann hier mit Sand im Haar im Garten bei Wein und Flanksteak sitzen und sich den Mücken schmecken lassen und darf sich dennoch ganz sicher sein: Dies ist einer der schönsten Flecken Europas. Diese Insel lässt sich weder ganz ernst noch ganz ironisch nehmen – und genau darin liegt, mit Verlaub, ihr unwiderstehlicher Reiz.
Also, liebe Leserschaft: Nehmen Sie das Fahrrad, lassen Sie das Handy in der Tasche, grüßen Sie den Nachbarn, auch wenn Sie seinen Namen nicht mehr wissen, und genießen Sie das kleine, kostspielige, herrlich widersprüchliche Bullerbü an der Nordsee. Es lohnt sich! Und immer schön lächeln, versteht sich.
In diesem Sinne: Rettet die Rinder, esst mehr Fisch und kauft eurer Familie einen schönen Bullerbügarten. (Foto: Axel Steinbach)
Herzlichst, Ihr Ole König


