BEVOR DIE INSEL ERWACHT

– Kolumne von Birgit Gräfin Tyszkiewicz –

Langschläfer schlagen mit Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen: Gedichtstunde um 5.30 Uhr. Undenkbar für die einen, nicht für die anderen. Gut gelaunt radele ich von Tinnum nach Keitum. Es duftet nach Morgentau und Wegesrandblumen. Kultursommer-Romantik.

Als Pastorin Susanne Zingel und ich die Veranstaltungen planten, wollten wir besondere Momente schaffen, so entstand das Morning Reading. Jeden Montag, wenn die Sonne über dem Friedhof aufgeht, lese ich ein Gedicht der Weltliteratur und erzähle zu den Autoren und unter welchen Umständen, das Werk entstand. Ich las Kurt Tucholskys »Das Ideal« (1927): »Ja, das möchste: // Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, // vorn die Ostsee, hinten die Friedrichsstraße, // mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, // vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – // aber abends zum Kino hast du’s nicht weit.« Die letzte Strophe fasst es zusammen: »Jedes Glück hat einen Stich. // Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. // Daß einer alles hat, // das ist selten.«
Und nun stellt Euch vor, es ist ganz früh morgens, die Tür der Kapelle steht auf und das frische Grün leuchtet hinein. Ich finde, das ist wie eine kleine Erfüllung. Das nächste Mal wählte ich Robert Frost »The Road not taken« (1915/16). Ich las es mehrmals, auf englisch und auf deutsch. Beinahe 20 Leute um mich herum. Vergangenen Montag waren es nur zwei, es stürmte und regnete, aber der blaue Himmel fand seine Lücke. Ausgewählt hatte ich eines der schönsten Liebesgedichte in deutscher Sprache, geschrieben von einer Frau, deren Namen man nicht kennt (Marianne von Willemer), veröffentlicht in Goethes West-östlichen Divan (1819): »Was bedeutet die Bewegung? // Bringt der Ost mir frohe Kunde? // Seiner Schwingen frische Regung // Kühlt des Herzens tiefe Wunde.« Als ich meinen Mann vor vielen, vielen Jahren kennenlernte, hatte ich ihm diese Zeilen geschrieben, vom »Ostwind«: »Und mir bringt sein leises Flüstern // Von dem Freunde tausend Grüße …«
Sylt einmal anders, poetisch und nachdenklich bevor die Insel erwacht. Am Montag, den 27. Juli, 5.30 Uhr, geht es weiter in der Kapelle auf dem Friedhof am Meer. Am Dienstag, den 28. Juli, ist dort Probst Mathias Lenz zu Gast, »Wenn Kirche und Kultur einander inspirieren«, 17.30 Uhr.
Dieses Wochenende lade ich ein in das Pastorat in Tinnum: Made to Measure. Wenn Mode auf den Leib geschneidert wird. Mit dabei meine Schneidermeisterin, die zuletzt bei Chanel arbeitete. Samstag und Sonntag, den 25./26. Juli, 12-17 Uhr. Voranmeldung unter: 0172/4313905.
Unterstützt wird der Kultursommer St. Severin von privaten Förderern, von Sylt life, dem Mare Verlag, den Sylter Kunstfreunden e.V. sowie dem Nordfriesischem Friedhofswerk.

Birgit Gräfin Tyszkiewicz