FROHE WEIHNACHTEN SYLT
Diesmal sitze ich nicht an meinem kleinen Schreibtisch im Kapitänshaus in Kampen mit dem Blick in das Winterdunkel, den Friesengarten und rüber zu den Laternen auf der anderen Straße. Es duftet nach Kerzen, aber nicht nach salziger Meeresluft, die ich zehn Jahre lang beinahe täglich inhaliert habe. In der Ecke (noch) kein Tannenbaum und vor der Tür keine Lichterkerze. Ich bin in Hamburg, Sylt haben wir geschlossen, für immer. Das Haus, das für viele wie ein »Wohnzimmer« gewesen ist, schlägt ein neues Kapitel auf, genauso wie Roma e Toska und wir privat. Warum das so ist, hat viele Gründe. In früheren Kolumnen habe ich oft darüber nachgedacht, und wenn ich ehrlich bin, sehnte ich mich tief in meinem Inneren schon lange nach Veränderung. »Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne…« (Hermann Hesse, Stufen Gedicht)
Kampen ist für mich über die Jahre einer der schönste Plätze gewesen, ein Sinnenrausch, den Wind im Haar, die Möwen, dicht über den Wellen, der Regenbogen, unter dem ich schwamm, die Braderuper Heide mit dem Wattenmeer, das im Abendlicht glitzerte. Dazu all unsere Events, dichtgedrängt in der guten Stube oder draußen im Strandkorb zwischen den Hortensien. Keines der intensiven Gespräche werde ich vergessen, während Ihr im Laden probiert habt, wir gemeinsam um den Tisch saßen, bei einem Glas Wein, einem guten Essen.
Irgendwann schlich sich die Veränderung ein, die Gleichgültigkeit der Menschen, wie sie mit ihren Rucksäcken und Wanderstiefeln durch die Räume gingen. Das Es-ist-nicht-mehr-wie-es-war nahm Überhand in Kampen. Wir Kreativen hungern nach Wertschätzung und wir Geschäftsleute nach Umsatz. Geschichten aus Stoff wollen weitererzählt werden. Mein Ton ist mahnend und gilt für die Alten wie für die Jungen: Kampen braucht die Bohemian Attitüde, den Freigeist und die Weltoffenheit, dann findet es wieder zu seiner einstigen Identität.
Mit einem Schmunzeln überlege ich mir Pop-up-Aktionen für den Sommer, Croissants und Blusen mit Meeresmotiven, Gedichtlesungen zum Frühstück … Eine Portion Nordsee fließt ständig durch meine Adern. Das Kapitänshaus ist nicht zu ersetzen, woanders geht es weiter mit Roma e Toska in der Poolstraße 30 in Hamburg und mit neuen Räumen wenige Schritte davon entfernt, einem Kabinett für junge Kunst und internationalen Ausstellungen, einem Salon mit Gästen, die wie ich für das Besondere stehen, für Bildung und Stil, Handwerk und Handschrift. Meine neue Kollektion dazu heißt »Encyclopedia«.
»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.« (Hermann Hesse) In diesem Sinne wünsche ich Euch allen Frohe Weihnachten.
Birgit Gräfin Tyszkiewicz


