Gedichte lesen
Vor kurzem war ich auf der internationalen Stoffmesse in Paris. Groß prangerte das Stichwort für die kommende Saison 2026/27 über den Hallen: »New Technologies«. Es fühlt sich so enttäuschend alltäglich an. Zum Glück gibt es für jeden Trend einen Gegentrend, meiner heißt »Encyclopedia«. Zwei Bände von Meyer’s Konversationslexikon von 1895 schleppe ich mit mir herum. »A« für Apfelbäume, und »P« für Pflaumen und Pilze. Staunen bei den Stoffdesignern, ob sie mal blättern dürften? Das alte Papier, die Farbtafeln, das Pergament, das zwischen den colorierten Seiten liegt. Mit alten Kulturwerkzeugen unsere Menschlichkeit bewahren!
Dazu gehört auch das Gedicht. Wir erinnern uns an die Schulzeit, in der wir es auswendig lernen mussten. Es ist so ein »altes Kulturwerkzeug«, das sich erhalten hat. Ich möchte Sie und Euch zu einer Lesung aus dem Lyrik-Band »alfabet/ alphabet« von der dänischen Lyrikerin Inger Christensen (1935 – 2009) einladen: Freitag, den 3.10.2025, um 17 Uhr, bei Roma e Toska in Kampen. Der Verleger Dr. Josef Kleinheinrich wird den original dänischen Text vortragen und ich die deutsche Übersetzung.
Bevor ich mit dem Sonnenaufgang zum Meer aufbreche, lese ich die Anfänge aus dem Buch. »Die abrikosenbäume gibt es…«. Ich blättere um. »Die farne gibt es; und brombeeren…«. Ein paar Seiten weiter heißt es dann: »Die tauben gibt es; die träumer, die puppen // die töter gibt es; die tage den tod…«. Ich lese laut und meine Stimme erhält plötzlich einen anderen Klang, wird fragend und forschend, versucht, in den Sinn hineinzuschlüpfen. Wie es sich wohl im Dänischen anfühlen wird. Meine Stimme wird weich und beginnt ungewohnt zu akzentuieren. Warum mal ein Komma, mal ein Semikolon? Bilder reihen sich aneinander, lösen sich wieder auf, um Raum zu schaffen für die nächsten. Ist das schön!
Ich zitiere Virginia Woolf, die es so wunderbar auf den Punkt brachte, worum es geht: »Ich schlug das Buch auf und begann irgendein Gedicht zu lesen. Und augenblicklich und zum ersten Mal verstand ich das Gedicht. Es war, als würde es vollkommen durchsichtig. Ich hatte ein Gefühl, daß Wörter eine Transparenz bekommen, wenn sie aufhören, Wörter zu sein, und sich so steigern, daß man sie zu erleben, sie vorauszusagen scheint, als entwickelten sie das, was man bereits fühlt (…).«
Sehen wir uns am kommenden Freitag? Mein Mann backt die Apfeltarte, und wer möchte, trinkt ein Glas Wein. Und dann tauchen wir ein in die sich rhythmisch aufbauenden Zeilen eines wunderschönen Buches.
Birgit Gräfin Tyszkiewicz


