Brombeer-Brûlée
Seit vergangenen Montag bin ich »Bridget allein Zuhaus«. Mein Mann ist mit meiner Tochter Toska in Warschau bei der Familie. Also bleiben Hund Bonnie und ich samt Kundinnen, die ein-und-ausgehen und manchmal auch verweilen. Damit ist das Alleinsein relativ und umfasst in erster Linie den privaten Bereich vor und nach den Ladenöffnungszeiten.
Wie man auf all meinen Fotos sieht, bin ich gut gelaunt, energiegeladen und umfassend emanzipiert. Allerdings in den klassischen Kompetenzbereichen weiblicher Klischees schwächele ich empfindlich, kann nicht kochen, kann nicht einkaufen, schaffe es gerade noch, die Waschmaschine zum Laufen zu bringen.
Kurzentschlossen setze ich einen Notruf an Freund Johannes King ab und denke parallel schon an Wagenladungen mit exquisiten Dips und Cremes, persönlich geliefert vom Sternekoch. Die Textnachricht bleibt unbeantwortet, wahrscheinlich zu viel Hektik im Keitum-Dorf. Ich muss also selbst klarkommen. Die Fantasie ist die fröhlichste Lehrmeisterin. Als Erstes sammele ich Brombeeren, eine meiner Lieblingstätigkeiten, bei der ich die Zeit vergesse und mit ihr alles Ungemach. Heute früh gibt es selbstgemachte Marmelade, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Das ganze Haus duftet schon nach süßen Brombeeren.
Zum Frühstück hole ich vom Kaufmann Kampen ein Rosinenquarkbrötchen. Da ich bewusst (!) kein Bargeld im Hause habe, räubere ich die Cent-Dose meines Mannes. 1,50 Euro = 150 Cents. Kleines Entsetzen an der Ladenkasse: »Soll ich das jetzt nachzählen?« Hinter mir eine Schlage von Frühstückseinkäufern. Ich zucke mit den Schultern und sage nur: »Stimmt so!«.
Nach einer knappen Woche allein bin ich mutig geworden: Spiegeleier »over easy« stehen auf dem Plan. Heißt: Hochschleudern, in der Luft wenden und wieder in der Pfanne auffangen. »Over easy« (wörtlich zu nehmen). Die zwei Spiegeleier werden frisbee-artig hochgekickt, fliegen Richtung Dunstabzugshaube und landen zu meinem Unverständnis und Entsetzen weit neben der Pfanne auf dem Boden. Bonnie bekommt Trockenfutter mit Rind und Rührei.
Es ist mir schon klar, dass es derbe Abzüge bei der A-Note für die technische Ausführung und den Schwierigkeitsgrad gibt, aber (!) den Rückstand hole ich locker auf bei der B-Note für den künstlerischen Ausdruck. Und das, liebe Leser, ist mein Spaß.
PS: Während ich diesen Beitrag schrieb, köchelte die Marmelade nicht friedlich bei niedriger Temperatur, sondern volle Pulle bei 9 (kreisch!). Sorgfältig gieße ich den nicht verbrannten Teil ab. Retten, was zu retten ist. Et Voilà: »Brombeer-Brûlée“ mit einem leicht rauchigen Aroma, köstlich!
Wer Lust hat, kommt vorbei und schaut, ergattert vielleicht das letzte Brombeer-Tuch und schaut, was es sonst so gibt neben Strohwitwerinnen-Geschichten.
Birgit Gräfin Tyszkiewicz


