Was früher Klassenfahrt hieß, nennt sich heute »Bildungsreise mit inklusivpädagogischer Tiefenwirkung«. Und wohin fährt man da am liebsten? Natürlich nach Sylt. Doch Sylt ist ausgebucht – zumindest im Sommer und allemal für jene, die nicht den Hermès-Seidenschal als Gürtelersatz einsezten können.
Da stehen sie also, die Schulklassen dieser Republik: die Waldorf-Delegation mit handgefilzten Butterbrotdosen, die 9b aus Köln-Chorweiler mit Bluetooth-Boombox und Puffreis, die Eliteschüler vom Johanneum mit ihren exakt gefalteten Barbour-Jacken – alle wollen Meer, Möwen und möglicherweise die Insta-Story mit den meisten Likes aus der Sansibar. Nur: Es passen halt nicht alle.
Denn die Klassenfahrt nach Sylt ist mittlerweile ein logistisches und politisches Minenfeld. Wer zuerst bucht, mahlt zuerst? Zu kapitalistisch. Wer die höchsten sozialen Herausforderungen vorweisen kann, darf zuerst? Zu woke. Wer Vitamin B hat, gewinnt? Am realistischsten. Also streiten sich Bezirksämter, Fördervereine und Verkehrsministerien um Kontingente, während die Deutsche Bahn testet, wie viele Kinder gleichzeitig im Bordbistro reisekrank werden können.
Und was machen die Sylter? Die beobachten das Treiben mit einer Mischung aus stillem Amüsement und leichter Panik: Denn der Unterschied zwischen einer Horde abendlicher Junggesellenabschiede und einer durchschnittlich lärmenden 10. Klasse aus Bottrop ist akustisch gering – aber juristisch hochrelevant. Der Schallschutz endet schließlich an der Dünenkante.
Vielleicht sollte man das Ganze als soziales Experiment betrachten: Einmal jährlich versammelt sich Deutschlands schulische Zukunft auf einer Insel, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Bildungsstätte oder Bollwerk der Bourgeoisie sein will.
Aber eines ist klar: Am Ende treffen sich alle beim Curry Deluxe auf der Friedrichstraße. Denn Wurst bleibt Wurst. Ob sie Hans heißt, ist dann auch einerlei.
Rückwärts nimmer, vorwärts immer!
Sylt oder Sansibar – Hauptsache Urlaub!
Die Redaktion weist darauf hin, dass es eine Leser-Kolumne (Satire) ist und der Inhalt die Ansicht des Einsenders wiedergibt.


