Pünktlich zum faktischen Sommeranfang (nicht zu verwechseln mit dem kalendarischen) knallt die Sonne auf die Erde und die Reiselust entbrennt. Die halbe Republik, zeitlich gestaffelt nach Bundesland, nach öffentlicher und privater Schule, im Weiteren nach Hamburger Stadtteil und HockeyClub (wann seid Ihr da? Wenn alle da sind! – »Alle« sind in diesem Kontext, der Rest des Sozialgefüges der standesbewussten Helikoptereltern), setzt sich in Marsch in Richtung Nordsee. Einige Verwirrte, Verarmte oder Postmaterialistische biegen tatsächlich bereits in Risum-Lindholm (das ist da wo McDonalds ist) ab. Der Rest hämmert die B5 hinauf, vorbei an Persch‘ens Goldbarren (in einigen Gegenden der Republik auch als Ziegelsteine banalisiert), hart links an der Ampel, halb rechts durch den Kreisverkehr, gefühlte 479 Euro für eine einfache Fahrt, Zug knapp verpasst, als nächstes fährt Blau, nicht »trotz dessen«, sondern WEIL man von Rot ein Ticket gekauft hat (zumindest kommt es einem so vor!), fünfte Reihe neben der Pommesbude, Unruhe im Auto: Kommen wir da beim nächsten Zug mit? Passen da fünf Reihen drauf? Und dann: SECCO. Aussteigen und SECCO. Leicht angeduselt bewundert Deutschland die epilepsiefördernden Displays im Wartebereich und fragt sich: Was hat denn jetzt Lech und Schnee mit meinem bevorstehenden Strandurlaub zu tun? Antwort: lieber noch einen SECCO!
Wenn man es dann geschafft hat, das Leasingfahrzeug sicher und unbeschadet von etwaigen Instandsetzungsforderungen bei der anstehenden Leasingrückgabe auf den Autozug zu manövrieren, wird der Motor ausgestellt, die Fenster werden heruntergelassen, Panoramadach weit geöffnet und bei einem letzten SECCO wird garniert von reichlich Foto- und Selfieaktivität das unweigerlich aufsteigende Urlaubsfeeling in ein Lächeln und unbewusstes Streicheln der ehepartnerlichen Hand umgewandelt (das SECCO- und seeluftinduzierte Verhalten wird auf ehepartnerlicher Empfangsseite mit Verwunderung und gleichsam stiller Freude aufgenommen).
Spätestens jetzt weiß die Familie: Der Papi kommt in Urlaubslaune, morgen verschwindet der sicher wie jedes Jahr für zwei Stunden im Feingold Meyer und erwirbt Kommanditanteile (oder was bekommt man, wenn man für 657 Euro 16 Gramm Bechamelsauce mit Spuren von Hummerfleisch, sowie Ruinart Blanc und Rosé, zwei Tüten Wasabi-Nüsse und Olivenöl mit Trüffelhintergrund erwirbt?). Die Kiddies haben rote Bäckchen von der Sonne am Strand, die Eltern nach der gemeinsamen Mittagsstunde und die Grünen sehen rot in Anbetracht der großen wohlstandssichernden Karossen auf der Insel.
DAS sind sichere Indizien für den Sommeranfang auf Deutschland schönster Ferieninsel.
Rückwärts nimmer, vorwärts immer!
Sylt oder Sansibar – Hauptsache Urlaub!
Die Redaktion weist darauf hin, dass es eine Leser-Kolumne (Satire) ist und der Inhalt die Ansicht des Einsenders wiedergibt.


